Wer Wirkung messen will, muss das Rad nicht neu erfinden. Für gemeinwohlorientierte Organisationen gibt es etablierte Instrumente – mit klaren Strukturen, oft kostenlos nutzbar, teils mit Zertifizierung. Dieser Artikel stellt die wichtigsten vor und hilft euch, das passende auszuwählen.
Gemeinwohl-Bilanz
Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) liefert ein vollständiges Bilanzierungssystem: 20 Themen werden systematisch entlang von fünf Berührungsgruppen (Lieferant*innen, Eigentümer*innen/Finanzpartner*innen, Mitarbeitende, Kund*innen/Mitunternehmen, gesellschaftliches Umfeld) bewertet.Dabei stehen die Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung im Mittelpunkt.
Was es leistet: Strukturierte Selbstbewertung der gesamten Organisation, vergleichbar zwischen Unternehmen, mit externer Auditierung zertifizierbar.
Aufwand: Hoch beim ersten Mal (3–6 Monate, oft mit Peer-Gruppe), danach geringer.
Wann sinnvoll: Wenn ihr eure gesamte Organisation durchleuchten und nach außen ausweisen wollt, dass ihr nach Gemeinwohl-Kriterien arbeitet.
Wann nicht: Wenn es euch um die Wirkung eines konkreten Projekts geht – die GWÖ misst Organisationsqualität, nicht Projektoutcome.
Verbreitung: Im deutschsprachigen Raum gut etabliert, international begrenzt. Insgesamt haben rund 1.500 Unternehmen eine GWÖ-Bilanz erstellt – mit klarem Schwerpunkt in Deutschland, Österreich, Schweiz und Spanien. Besonders stark vertreten: Bio- und Naturkostbranche, Bildungsorganisationen, kleinere mittelständische Betriebe. Eher selten in Konzernen.
Weiterführende Informationen: https://germany.econgood.org/
SROI – Social Return on Investment
SROI übersetzt soziale Wirkung in Geldwert: Für jeden investierten Euro wird berechnet, welcher gesellschaftliche Gegenwert entsteht (z. B. „1 € Investition = 4,30 € sozialer Mehrwert“).
Was es leistet: Monetarisierung von Wirkung, gut für Förderanträge und externe Kommunikation.
Aufwand: Sehr hoch. Saubere SROI-Analysen brauchen Zeit, methodische Erfahrung und meist externe Begleitung.
Wann sinnvoll: Bei größeren Projekten mit klar abgrenzbarer Zielgruppe und ausreichend Daten – und wenn Geldwert eure Adressat*innen wirklich überzeugt.
Wann nicht: Für kleine Organisationen meist überdimensioniert. Die Aussagekraft hängt stark von gewählten Annahmen ab – das wird oft kritisch gesehen.
Verbreitung: International als Methode anerkannt, aber in der praktischen Anwendung eher Nischeninstrument. Vor allem im Impact-Investing-Bereich, in der Wohlfahrtspflege und bei größeren Sozialunternehmen verbreitet. In Deutschland eher selten direkt angewendet, häufiger in akademischen Studien (z. B. WU Wien, KU Eichstätt) oder bei Beratungsprojekten von Wohlfahrtsverbänden.
Weiterführende Informationen: Social Value International – globaler Standard-Setter, hier findet ihr den offiziellen Guide to SROI (kostenfrei) sowie Schulungen und Zertifizierung.
Phineo-Wirkungstreppe
Phineo (gemeinnützige Analyse- und Beratungsorganisation) hat mit der Wirkungstreppe ein einfaches 7-Stufen-Modell entwickelt – von „Aktivitäten finden statt“ (Stufe 1) bis „Gesellschaft verändert sich“ (Stufe 7). Das Modell ordnet ein, auf welcher Wirkungsebene ihr realistisch arbeitet.
Verbreitung: Im deutschen Stiftungs- und Sozialsektor faktisch Standard. Phineos Materialien (insbesondere das Kursbuch Wirkung) richten sich primär an Non-Profits, die Wirkungstreppe selbst lässt sich aber genauso auf Unternehmensprojekte, ESG-Initiativen oder Programme von Beratungen anwenden – die Logik ist branchenoffen.
Was es leistet: Pragmatische Einordnung der eigenen Wirkungstiefe, gute Vorlage für die eigene Wirkungslogik.
Aufwand: Niedrig. Gut im Selbststudium oder Workshop machbar.
Wann sinnvoll: Als erster strukturierter Einstieg in Wirkungsorientierung – auch für Unternehmen und Sozialunternehmen, die mit dem Begriff „Wirkung“ arbeiten wollen, ohne gleich zu zertifizieren.
Wann nicht: Wenn ihr eine vergleichbare oder geprüfte Bewertung braucht – die Wirkungstreppe ist Selbstanwendung, kein Audit.
Weiterführende Informationen: PHINEO gAG
B Impact Assessment (B Corp)
Online-Selbstbewertung mit über 200 Fragen zu Governance, Mitarbeitenden, Community, Umwelt und Kund*innen. Ab 80 Punkten ist eine B-Corp-Zertifizierung möglich.
Was es leistet: International anerkannte Bewertung, kostenlos als Selbstcheck nutzbar, mit Benchmark zu anderen Unternehmen.
Aufwand: Mittel als Selbstcheck (1–2 Tage), hoch bei Zertifizierung.
Wann sinnvoll: Wenn ihr international sichtbar sein wollt oder im B-Corp-Netzwerk Anschluss sucht. Auch der reine Selbstcheck liefert nützliche Hinweise.
Wann nicht: Bei stark sozialer/gemeinwohlorientierter Ausrichtung passt die GWÖ oft besser – B Corp ist näher am klassischen Unternehmenskontext.
Verbreitung: Deutlich größer als GWÖ und international die bekannteste Zertifizierung im Nachhaltigkeits- und Purpose-Sektor. Über 9.500 zertifizierte B Corps in mehr als 100 Ländern, mit prominenten Namen wie Patagonia, Ben & Jerry’s, Tony’s Chocolonely oder Ecosia. In Deutschland wachsend, aber kleiner als in den USA oder UK – mit besonderer Sichtbarkeit bei Konsumgütermarken und Tech-Unternehmen mit Purpose-Anspruch.
Weiterführende Informationen: B Lab Global bzw. B Lab Germany – mit kostenfreiem B Impact Assessment als Selbstcheck.
IRIS+ und weitere Indikatorenkataloge
IRIS+ ist eine umfangreiche, kostenfreie Datenbank standardisierter Wirkungsindikatoren – sortiert nach Themen wie Bildung, Gesundheit, Klima, Beschäftigung.
Was es leistet: Liefert fertige, vergleichbare Indikatoren, statt sie selbst entwickeln zu müssen.
Aufwand: Niedrig (Auswahl), mittel (Datenerhebung).
Wann sinnvoll: Wenn ihr Outcome-Indikatoren braucht und nicht bei Null anfangen wollt – besonders bei Förderanträgen mit Wirkungsanforderung.
Wann nicht: Als alleiniges „Instrument“ – IRIS+ ist ein Indikatorenpool, kein Bewertungsrahmen.
Verbreitung: Im Impact-Investing-Bereich faktisch der globale Standard, von vielen großen Investor*innen und Entwicklungsbanken genutzt. Bei kleineren Unternehmen in Deutschland weniger bekannt, aber wachsend.
Weiterführende Informationen:IRIS+ vom Global Impact Investing Network (GIIN) – Plattform mit Katalog, Core Metrics Sets und SDG-Mapping. Common Approach to Impact Measurement – jüngere, schlanke Alternative für kleine GWOs (alles englisch).
Vergleich auf einen Blick
| Instrument | Fokus | Aufwand | Kosten | Verbreitung |
| GWÖ-Bilanz | Gesamte Organisation | hoch | mittel (Mitgliedschaft, Audit, ggfs. Beratung) | DACH-Raum, ca. 1.000 Unternehmen |
| SROI | Einzelprojekt, monetär | sehr hoch | variabel (oft hoch bei externer Begleitung) | international anerkannt, Nische |
| Phineo-Wirkungstreppe | Wirkungslogik & -tiefe | niedrig–mittel | kostenfrei (aber Beratung möglich) | Standard im dt. Stiftungssektor |
| B Impact Assessment | Gesamte Organisation | mittel–hoch | niedrig–hoch (umsatzabhängig) | international, >9.500 zertifiziert |
| IRIS+ | Indikatoren-Baukasten | niedrig | kostenfrei | Standard im Impact Investing |
Hinweis zu den Kosten: Die größten Kostenfaktoren sind meist nicht die Methodengebühren, sondern interne Personalzeit und – bei Bedarf – externe Begleitung / Beratung. Konkrete Tagessätze und Auditkosten variieren stark; auf den jeweiligen Anbieterseiten findet ihr aktuelle Richtwerte.
Hinweis zur Verbreitung: Bekanntheit ist kein Qualitätskriterium, aber ein praktisches. Eine Methode, die eure Adressat*innen kennen, erspart euch Erklärarbeit – egal ob im Förderantrag, im Pitch oder in der Kund*innenkommunikation. Umgekehrt: Wer eine wenig verbreitete Methode wählt, braucht oft den längeren Atem, um sie anzubringen.
Welche Methode passt zu uns?
Vier Faustregeln:
- Wenn ihr eure Organisation als Ganzes bewerten und nach außen zeigen wollt: GWÖ oder B Corp. GWÖ passt, wenn ihr im DACH-Raum sichtbar sein wollt und werteorientierte Kund*innen oder Partner*innen ansprecht. B Corp passt, wenn ihr international agiert oder in einem Markt unterwegs seid, in dem die Zertifizierung Wiedererkennung schafft (z. B. Konsumgüter, Tech, Mode).
- Wenn ihr in einer Sprache messen wollt, die im deutschen Wirkungssektor verstanden wird: Die Phineo-Wirkungstreppe ist dort der gemeinsame Nenner. Auch außerhalb des klassischen Stiftungskontexts – etwa für ESG-Reporting oder Wirkungsteile in Geschäftsberichten – funktioniert die Logik gut.
- Wenn ihr ein konkretes Projekt verstehen und steuern wollt: Phineo-Wirkungstreppe als Rahmen + IRIS+-Indikatoren für die Messung. Pragmatisch, kostenlos, schnell anwendbar.
- Wenn ihr Wirkung in Euro ausweisen müsst (z. B. für Investor*innen): SROI – aber nur mit Begleitung und realistischer Erwartung an den Aufwand.
Voraussetzung: die eigene Wirkungslogik
So nützlich fertige Instrumente sind – sie ersetzen nicht die eigene Wirkungslogik. Bevor ihr ein Instrument anwendet, solltet ihr wissen, was ihr verändern wollt und wie das laut eurer Annahme passiert. Sonst messt ihr Indikatoren, die wenig mit eurer Arbeit zu tun haben.
Die IOOI-Methode und der hej IOOI-Canvas helfen euch, diese Logik zu klären – als Grundlage, auf der die Instrumente dann sinnvoll greifen.